Wehrführer wirft hin
Lollar – Im Frühjahr 2019 wählte die Einsatzabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Lollar, Schutzbereich Süd (Lollar/Ruttershausen), Phillip Nürnberger zum neuen Wehrführer und erneut im Frühjahr 2024. Nach Adam Riese setzte sich der Zyklus erst 2029 fort. Nun ist Nürnberger in der Jahreshauptversammlung der Einsatzabteilung von seinem Führungsamt zurückgetreten. „Herr Bürgermeister, geben Sie mir die Entlassungsurkunde.“ Was war geschehen?
Sein Nachfolger Jörg Goldacker, der zuvor in der Wehrführung hospitiert hatte, stand in den Startlöchern und wurde umgehend in offener Wahl einstimmig in die wichtige Position gehievt. Ein Anzeichen dafür, dass der persönliche Schnitt Nürnbergers nicht von heute auf morgen gekommen ist. Er will der Einsatzabteilung aber dennoch erhalten bleiben. Nürnberger ist aufgrund seiner beruflichen Qualifikation der Fachbereichsleiter Technik.
„Vertrauen in Verwaltung fehlt“
„Schade, dass die Politik nicht da ist“, lautete der Schlüsselsatz seiner Begründungsrede, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Bürgermeister Jan-Erik Dort hatte in der vorherigen Jahreshauptversammlung des Fördervereins der Freiwilligen Feuerwehr Lollar ein Grußwort gesprochen und seine darauffolgende Abwesenheit mit „Krankheit“ begründet. Immerhin hatte die Stadtverordnete Michelle Kraft in ihrer Funktion als Landtagsabgeordnete der Feuerwehr eine Bresche geschlagen. Nürnberger erläuterte, er habe alle seine Funktionen – Jugendfeuerwehrwart, stellvertretender Wehrführer und Wehrführer – stets mit Überzeugung wahrgenommen (ist in jungen Jahren schon Hauptbrandmeister). Der hohe zeitliche Aufwand und die überbordende Bürokratie stünden mittlerweile im krassen Widerspruch zu einer ehrenamtlichen Leitungsfunktion. Die erwartete Entlastung aus dem Rathaus sei ihm diesbezüglich kaum spürbar. Insofern fehle das notwendige Vertrauen in die Stadtverwaltung. Nürnberger eindringlich: „Ehrenamt darf nicht an Bürokratie scheitern.“ Darum sollten bessere Strukturen geschaffen werden. Der geplante Neubau des Feuerwehr-Stützpunktes in der Schur könne „ein starkes Zeichen“ sein.
Michelle Kraft informierte, die Feuerwehr Lollar zähle mit ihren 150 Jahren zu den ältesten im Landkreis Gießen. „Wenn der Melder geht, dann rennen sie.“ Egal, was zu Hause in dem Moment gerade los sei, ob man seine Kinder oder die Schwiegermutter alleinlasse. Am Beispiel des Einsatzes für die brandgeschädigte Familie Schnepp führte Kraft die Leistungsbereitschaft und gelebte Solidarität an. Ihr sei noch nie eine Beschwerde über die Feuerwehr angetragen worden. Kraft: „Sie haben das Urvertrauen in Lollar geweckt“.
Stadtbrandinspektor Marco Kirchner skizzierte die für Hessen für ehrenamtliche Feuerwehren offenbar bis dahin unbekannte Konstellation eines Gefahrenabwehrcampus, den der Neubau erfüllen würde. Gespräche in Wiesbaden (Staatssekretär Martin Rößler, Innenministerium) seien auf fruchtbaren Boden gefallen. Kirchner: „Wir brauchen das Land als starken Partner der Kommune.“ Die Feuerwehr Lollar habe als erste im Landkreis Gießen den professionellen Atemschutz eingeführt, die Jugendfeuerwehr Lollar habe 2025 erstmals am Kreisentscheid teilgenommen (fand im Stadion statt, Lollar kam auf den 25. Platz von 33 Jugendteams).
Der zweite stellvertretende Wehrführer Uwe Lumbe beendete aus gesundheitlichen Gründen die aktive Zeit, er ist ab April Mitglied der Ehren- und Altersabteilung. Die Versammlung wählte Michael Dürl zu seinem Nachfolger (offen/einstimmig). Erster stellvertretender Wehrführer bleibt Marco Brück (kein Wahlvorgang).
Neu gewählte Einheitsführer sind Marvin Marscheck und Björn Horn (offen/einstimmig). Jugendfeuerwehrwartin wurde Stephanie Krombach, stellvertretende Jugendfeuerwehrwartin Josefine Patrizia Schäfer (offen/einstimmig). Ehrenamtlicher Gerätewart ist Niklas Krieger (offen/einstimmig).
Statistisches: Die Einsatzabteilung hat 60 Aktive, davon 28 Atemschutzgeräteträger, darunter 16 CSA-Träger (Chemikalienschutzanzug), 132 Einsätze mit 2950 Einsatzstunden, neun Menschen aus teils lebensbedrohlichen Zwangslagen befreit, 13 Aktive verletzten sich im Einsatz.
Quelle: Giessener Anzeiger
Autor: Volker Heller
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Nach der Wahl von Führungsfunktionen: Der neue Wehrausschuss. © Volker Heller